In Leitstellen und Kontrollräumen arbeiten Menschen rund um die Uhr an denselben Arbeitsplätzen – oft über Jahre hinweg, in wechselnden Schichten und mit Aufgaben, bei denen Aufmerksamkeitsfehler unmittelbare Folgen haben. Ergonomie ist hier deshalb kein Komfortthema, sondern ein Faktor der Betriebssicherheit. Und sie lässt sich nachträglich nur begrenzt korrigieren: Wer Konsolen, Raumgeometrie und Beleuchtung erst nach dem Einzug hinterfragt, kann meist nur noch nachbessern statt neu auslegen.
Ein Büroarbeitsplatz wird acht Stunden am Tag von einer Person genutzt, die sich zwischendurch bewegt, Termine wahrnimmt und den Raum wechselt. Ein Leitstellenarbeitsplatz wird von mehreren Personen im Schichtwechsel genutzt, häufig ohne dass der Platz über längere Zeit verlassen werden kann.
Daraus folgen drei Besonderheiten: Der Arbeitsplatz muss für unterschiedliche Körpermaße schnell anpassbar sein, er muss über die gesamte Schicht Haltungswechsel ermöglichen, und er muss mit deutlich mehr Anzeigeflächen umgehen als ein üblicher Bildschirmarbeitsplatz. Das Anforderungsspektrum einer Leitstellenplanung reicht dabei über die Ergonomie hinaus bis zu Ausfallsicherheit, IT-Infrastruktur und späterer Erweiterbarkeit – die Arbeitsplatzgestaltung ist nur einer von mehreren Strängen, allerdings derjenige, der die Beschäftigten täglich betrifft.
Für die Gestaltung existiert ein eigenes Regelwerk. Die Normenreihe ISO 11064 behandelt die ergonomische Gestaltung von Leitzentralen in mehreren Teilen – von den Grundsätzen über die Auslegung der Wartenräume bis zu Anzeigen und Stellteilen. Für die Arbeitsplätze selbst ist DIN EN ISO 11064-4 maßgeblich: Sie legt ergonomische Grundsätze, Empfehlungen und Anforderungen für die Gestaltung von Arbeitsplätzen in Leitzentralen fest, mit besonderem Schwerpunkt auf Auslegung und Maßen. Anwendbar ist sie vor allem auf Sitzarbeitsplätze mit Bildschirmgeräten; Leitplätze, an denen im Stehen gearbeitet wird, sind ebenfalls berücksichtigt.
Die Norm ersetzt keine projektspezifische Planung, liefert aber den Rahmen, an dem sich Ausschreibungen und Abnahmen orientieren lassen – und ein Argument gegenüber Beschaffungsstellen, die Konsolen primär über den Preis vergleichen.
Höhenverstellbare Konsolen gelten inzwischen als Standard, werden in der Praxis aber unterschiedlich gut genutzt. Entscheidend ist weniger die technische Möglichkeit als die Frage, ob der Wechsel im laufenden Betrieb ohne Unterbrechung funktioniert. Verstellt sich die Arbeitsfläche, müssen Monitore, Eingabegeräte, Telefonie und Sprechstellen mitgehen – sonst wird die Funktion nach wenigen Wochen nicht mehr genutzt.
Bewährt haben sich Speicherpositionen, die personenbezogen abgerufen werden können. Beim Schichtwechsel stellt sich der Platz dann in Sekunden auf die nächste Person ein, statt dass jeder neu justiert oder die Einstellung des Vorgängers übernimmt. Bei drei Schichten und mehreren Konsolen summiert sich dieser scheinbar kleine Punkt zu einem relevanten Unterschied.
Der häufigste Planungsfehler ist eine zu hohe Monitoranordnung. Die oberste Bildschirmzeile sollte auf oder unterhalb der Augenhöhe liegen; der bevorzugte Blickbereich liegt leicht unterhalb der Horizontalen. Werden Monitore darüber montiert, entsteht dauerhafte Nackenreklination – eine Belastung, die sich über Jahre in Beschwerden niederschlägt.
Bei mehreren Bildschirmen kommt die horizontale Anordnung hinzu. Häufig genutzte Anzeigen gehören in den zentralen Blickbereich, seltener genutzte nach außen. Werden Monitore gebogen angeordnet, bleibt der Sehabstand über die gesamte Breite konstant – bei gerader Reihung wächst er zu den Rändern hin und zwingt zu Kopfbewegungen. Bei zusätzlichen Großbildflächen ist der Sehabstand zur Videowall so zu wählen, dass Inhalte vom Arbeitsplatz aus lesbar bleiben, ohne dass Operatoren aufstehen müssen.
Kontrollräume sind Mischumgebungen: Bildschirme brauchen wenig Umgebungslicht, Papierunterlagen und Kommunikation brauchen mehr. Sinnvoll ist deshalb ein Zonenkonzept mit indirekter Grundbeleuchtung und individuell regelbarer Arbeitsplatzleuchte.
Tageslicht ist erwünscht, verlangt aber wirksame Verschattung, weil Reflexionen auf Bildschirmen und Videowänden die Lesbarkeit unmittelbar beeinträchtigen. Bei Nachtschichten spielt zusätzlich die Lichtfarbe eine Rolle: Ein Konzept, das die Beleuchtung im Tagesverlauf verändert, wird in modernen Leitstellen häufig vorgesehen.
Die beste Konsole kompensiert kein ungünstiges Schichtmodell. Nach den Ausführungen der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin zu Nacht- und Schichtarbeit passen sich die physiologischen Funktionen des Menschen nicht vollständig an Nachtarbeit an, auch wenn viele Beschäftigte subjektiv diesen Eindruck haben; kurze Nachtschichtblöcke vermeiden die Ansammlung eines Schlafdefizits. Empfohlen werden unter anderem eine möglichst geringe Anzahl aufeinanderfolgender Nachtschichten, eine lange Ruhephase im Anschluss und vorhersehbare, überschaubare Schichtpläne.
Für die Raumplanung heißt das konkret: Rückzugs- und Pausenbereiche in unmittelbarer Nähe, ausreichend Platz für Schichtübergaben ohne Störung des laufenden Betriebs und die Möglichkeit, kurzzeitig den Blick vom Bildschirm zu lösen – etwa durch einen Sichtbezug nach außen oder eine bewusst gestaltete Blickachse im Raum.
In Leitstellen wird gesprochen, telefoniert und gefunkt – gleichzeitig ist Konzentration gefordert. Ohne akustische Maßnahmen entsteht der bekannte Effekt, dass alle lauter werden, um sich zu verständigen. Absorbierende Deckensegel, Konsolenverkleidungen mit akustischer Wirkung und eine durchdachte Anordnung der Arbeitsplätze reduzieren den Pegel spürbar.
Beim Raumklima ist die Wärmelast der Technik zu beachten. Rechner, Netzteile und Displays geben Wärme ab, die abgeführt werden muss, ohne dass Operatoren im Luftzug sitzen. Auslässe gehören deshalb in die Planung – nicht erst in die Ausführung.
Die genannten Anforderungen unterscheiden sich je nach Branche erheblich: Eine Verkehrsleitstelle braucht andere Sichtachsen als ein Netzleitstand, ein Rettungsdienst andere Bedienelemente als eine Flugsicherung. Anbieter integrierter Kontrollraumlösungen – etwa die Knürr GmbH – planen Konsolen deshalb projektspezifisch und stimmen Ergonomie, Technikintegration und Raumkonzept aufeinander ab, statt Einzelkomponenten zu kombinieren.
Der praktische Vorteil liegt weniger im Produkt als in der Verantwortlichkeit: Passt die Kabelführung nicht zur Verstellmechanik oder die Monitorhalterung nicht zur Arbeitsfläche, gibt es einen Ansprechpartner statt mehrerer Gewerke.
Ein Punkt, der regelmäßig unterschätzt wird: Die Menschen, die den Raum später nutzen, kennen die Abläufe besser als jede Analyse. Mock-ups oder Musterarbeitsplätze vor der Serienfertigung decken Details auf, die in Zeichnungen nicht sichtbar werden – etwa dass eine Ablage an genau der Stelle fehlt, an der Unterlagen tatsächlich liegen. Der Aufwand dafür ist gering gemessen an den Kosten einer nachträglichen Anpassung.
Ergonomie im 24/7-Betrieb entsteht aus dem Zusammenspiel von Arbeitsplatz, Raum und Schichtorganisation. Verstellbarkeit muss im laufenden Betrieb funktionieren, Blickwinkel und Sehabstände folgen der Aufgabenanalyse, und das Schichtmodell gehört genauso in die Planung wie die Konsole. Wer diese Punkte früh klärt und die Nutzer einbindet, baut einen Kontrollraum, der auch nach zehn Jahren noch trägt.
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